Leben

Der gebürtige Niedersachse Frank Mühe belebte Anfang der Neunziger die subkulturelle Szene in Magdeburg - er sah die Freiheiten, die sich ihm boten und besetzte sie mit seinen Ideen. Dies ist seine Geschichte.

Nach unten scrollen

Freie Räume, freie Menschen

von Henning Grabow und Kristin Zimmermann

Es ist der 06.03.1999 und in der Goethestraße 55 in Magdeburg versammeln sich die Trauergäste. Man trägt schwarz, es werden Kränze niedergelegt. Unter dem Motto "MIB - Mühe in Black" kommen ein letztes Mal bis zu 400 Menschen in der kleinen Stadtvilla für eine Abschiedsparty zusammen. Zu Grabe getragen wird eine Reihe von mittlerweile legendären Mottofeiern, welche Magdeburgs Clubszene teilweise bis heute prägen. "Das war schon sehr besonders", erinnert sich Frank Mühe heute an diese Szenen. Als wir ihn das erste Mal im Café Amsterdam in Magdeburg treffen, entschuldigt sich der junggebliebene Mittvierziger direkt. Er sei momentan sehr eingespannt und gerade noch rechtzeitig für das Interview gesund geworden. Allein, man merkt es ihm nicht an: die wachen Augen blicken freundlich und interessiert, sein Lachen ist einnehmend und herzlich - ein Mann mit unwidersprochen charismatischer Ausstrahlung sitzt vor uns. Folgerichtig beginnt ein Großteil der Geschichte, die er uns erzählen wird, mit Freundschaften; mit Menschen, die sich von seiner Euphorie haben anstecken lassen und die ihm - als Westdeutschem - halfen, in der ehemaligen DDR Fuß zu fassen. Der Anfang jedoch, der lag zunächst ganz woanders.

Steckbrief

Frank Mühe (Foto: Kristin Zimmermann)

1989: Medizinstudium in Hannover

1991: Eröffnung des HiFi-Geschäfts "Tonspur" in Magdeburg

1992: Umzug nach Magdeburg

1993: Einzug in die Goethestraße 55

1999: Auszug aus der Goethestraße

2009: Abschluss Psychologiestudium

2014: Umzug nach Berlin

Gesunder Größenwahn

Alles begann mit einem Nebenjob in Braunschweig. Es war das Jahr 1989 und in der DDR brodelte es bereits. Frank Mühe hatte gerade ein Medizinstudium in Hannover begonnen und der gebürtige Schöppenstedter war auf der Suche nach einem Nebenjob um sich etwas dazu zu verdienen. Ein Fachgeschäft für Unterhaltungselektronik in Braunschweig bot ihm die Möglichkeit, seine private Leidenschaft für Musik und Elektronik mit einem kleinen Zuverdienst zu verbinden. Als im Herbst dann die Mauer fiel, bekam Mühe die Auswirkungen der politischen Umwälzung direkt zu spüren. "Die Bewohner der grenznahen Städte bis Magdeburg kamen mit großen Interesse und zeigten Begeisterung für unsere Produkte", erinnert sich Mühe heute und so war bald die Idee geboren, eine Filiale des Geschäfts in Magdeburg zu eröffnen. Viel Überredungskunst seitens seines Chefs brauchte es da nicht, im Gegenteil: Mühe war davon überzeugt, das Projekt auch alleine stemmen zu können. "Das war, angesichts meines Medizinstudiums in Hannover, sagen wir mal: Gesunder Größenwahn. Aber ich war damals jung und naiv und getrieben von der Idee – die Idee hat alle Bedenken in den Schatten gestellt. Außerdem steckte ich mitten in einer Phase, in der eigentlich alles geklappt hat, was ich angefasst habe." Und so eröffnete bereits am 31. Januar 1991 in der Schönebecker Straße 103 das HiFi-Geschäft Tonspur - das erste seiner Art in dieser Zeit in Magdeburg.

Die Anfangseuphorie jedoch war schnell verklungen. Plötzlich galt es mit den alltäglichen Widrigkeiten des Geschäftslebens klarzukommen und damit nicht genug: ab dem Februar 1991 pendelte Frank Mühe ständig zwischen Hannover und Magdeburg. "Und so stand ich dann auf einmal da mit meinem Laden, alleine, in Magdeburg, ohne Freunde und hab' gemerkt: Ein lustiges Spiel ist das jetzt nicht mehr, jetzt musst du hier verkaufen und alleine deinen Mann stehen." Heute schmunzelt Frank Mühe als er das erzählt, damals jedoch waren ständige Müdigkeit und Überforderung seine Begleiter. Trotzdem wurde Tonspur bald zu einem ersten Szenetreffpunkt für Musikbegeisterte, Technikinteressierte und DJs. Mit seiner offenen und herzlichen Art schloss der Jungunternehmer schnell neue Freundschaften und auch die Existenz war fürs Erste gesichert. Also entschied Frank Mühe sich, sein Studium vorerst ruhen zu lassen und endgültig nach Magdeburg zu ziehen.

Frank Mühe in seinem HIFI-Geschäft <i>Tonspur</i> (Foto: Privat)

Frank Mühe in seinem HIFI-Geschäft Tonspur (Foto: Privat)

Die Magdeburger Elektro-Szene der 90er (Karte: Henning Grabow, Kristin Zimmermann)

Die Legende der Goethestraße 55

Auf der Suche nach einer passenden Wohnung halfen Frank Mühe wieder seine neugewonnen Kontakte. Ein Paar, das er aus seinem Laden kannte, gab ihm den Tipp, sich doch mal ihre alte Wohnung in der Goethestraße 55 anzusehen. "Das Haus hat mich sofort völlig begeistert", erinnert sich Mühe. "Alles hatte diesen morbiden und alten Charme, diesen alten Glanz, dieses Zeugnis einer großen Stadtvillavergangenheit der goldenen Zwanziger Jahre und als wir in den Garten gingen, war ich dann endgültig Feuer und Flamme und habe direkt der Wohnungsbaugenossenschaft die Türen eingerannt um diese Wohnung zu bekommen." Seine Augen leuchten noch heute, wenn er von der hübschen kleinen Stadtvilla erzählt. Gelegen im Viertel Stadtfeld - heute eines der besseren Viertel Magdeburgs - erkaufte Frank Mühe die günstige Miete und den tollen Charme allerdings mit einem für damalige Verhältnisse nicht unüblichen Standard: Das Haus war unrenoviert, eine Forster Schwerkraftheizung stand im Keller und die Fenster waren undicht. Es brauchte wohl tatsächlich den unverstellten Blick von außen um trotzdem das Potenzial des angegrauten und vom Kohlenstaub gezeichneten Hauses zu erkennen, während die alteingesessenen Mieter es eigentlich satt hatten. "Die Familie, die damals noch über mir wohnte, wollte da unbedingt weg. Aber ich nahm es gern in Kauf, auch mal Kohlen zu schaufeln." So zogen nach und nach die ursprünglichen Hausbewohner aus und stattdessen Freunde von Frank ein. Die "Legende" der Goethestraße 55 nahm ihren Lauf.

(Infografik: Kristin Zimmermann)

Unter Freunden

Ein leeres, offen gestaltetes Haus ohne feste Wohneinheiten, dafür mit großem Eingangsbereich, Garten und mehrere Etagen zur freien Verfügung - da stellt sich für einen jungen Menschen fast gar nicht mehr die Frage ob, sondern wie oft denn hier gefeiert werden könnte. "Da ich plötzlich so alleine im Haus war, begann ich, meine Freunde einzuladen. Schon zu Studienzeiten hatten wir uns skurrile Ideen für irgendwelche Partys ausgedacht - je nach Anlass: Nikolaus, Walpurgisnacht etc. Die dienten dann auch in der Goethestraße dazu, alte Freunde aus dem 'Westen' einzuladen, genauso wie die 'neuen' Freunde aus Magdeburg." Mit Franks Bekanntenkreis wuchs auch die Teilnehmerzahl exponentiell an, jeder brachte irgendwann noch irgendwen mit, und so kamen bald 50 bis 60 Feierwillige in die Goethestraße. Zu viele:

"Anfangs habe ich immer selbst für Getränke und Essen gesorgt, Eintritt kostete es auch nicht. Da es aber immer mehr Leute wurden, ging das natürlich irgendwann nicht mehr. Bei einer der dritten oder vierten Veranstaltungen kamen wir dann auf die Idee ein Sparschwein aufzustellen, für eine Umlage. Am Ende des Abends haben wir dann mal reingeguckt und es waren zwei Scheine drin: Ein Zehn- und ein Zwanzigmarkschein. Der eine war von meiner großen und der andere von meiner kleinen Schwester. Wir waren einigermaßen empört und dachten uns: okay, dann nehmen wir jetzt Eintritt."

Die Umstände also zwangen die Veranstalter zur Professionalisierung, kommerzielle Beweggründe hatte dieser Schritt aber nie. Nach Abzug der Kosten für Verpflegung, DJs und Türsteher blieb oft nicht mehr als ein gemeinsames Essen für alle Helfer übrig. Trotzdem kamen immer mehr Leute, auch um einmal dabei gewesen zu sein. "Wir machten uns irgendwann Gedanken, wie wir den Personenkreis von bald über 100 Leuten wieder einschränken können. Wie stellen wir es an, dass wieder die Leute kommen, die auch vom Feeling zu uns passen? Das war uns wichtig: offene, tolerante und einfach lebenslustige Partys zu veranstalten." Die Lösung: Kostümzwang. "Diese Restriktion wurde zum Selbstläufer, sodass irgendwann das Motto zum Ansporn für die richtigen Leute wurde. Was zieh ich zur nächsten Goethestraßen-Party an, wo komme ich an ein Kostüm, wer näht mir was, wie setzen wir das Motto um und so weiter."

Audioslideshow: Das Flair der "G-55"-Parties

Die Goethestraße 55 war in den Neunzigern nicht nur Wohnraum für Susett Scholle und Frank Mühe, sondern auch ihr Dancefloor. Regelmäßig veranstalteten sie im Magdeburger Viertel Stadtfeld Kostümparties mit hunderten Gästen. 20 Jahre später erinnern sie sich zurück an die "G55"-Feiern, plaudern über zerbrochene Fensterscheiben und fragen sich, warum eigentlich nie Jemand die Polizei gerufen hat. (Audioslideshow: Henning Grabow, Kristin Zimmermann)

Pubertäre Exzesse

"Halloqueen", "Sklaven des Rhythmus", "Mean and Green - Walpurgisnackt" - Frank Mühe lächelt, als er durch die alten Partyankündigungen blättert. Es sind aus heutiger Sicht einfache aber liebevoll gestaltete Flyer. "Ich weiß noch, wie wir immer hier im Amsterdam saßen und uns neue Themen ausgedacht haben." Wir, das war die mittlerweile auf WG-Größe angewachsene Hausgemeinschaft der Goethestraße. Neben Frank Mühe zählten dazu Susett Scholle, die später mit ihrer eigenen luna event agentur die Tradition professionell organisierter Mottopartys in Magdeburg weiter führte, und Nico Hermann, Frank Mühes damaligem Freund. In der zweiten Hälfte der Neunziger blühte die Goethestraße 55 unter dem Namen G55 weiter auf. Laute House Musik und zu Hochzeiten bis zu 400 feierfreudige, junge Menschen: Gab es da nie Probleme? "Einmal, ziemlich zu Beginn, riefen uns Nachbarn mal über den Zaun zu: 'Ihre pubertären Exzesse werden wir ihnen noch austreiben!'", lacht Frank Mühe. Ansonsten gab es weder Ärger mit den Gästen, noch mit der Polizei. Mühe erklärt sich das heute so:

"Dass wir nie Ärger bekommen haben, muss tatsächlich mit Magdeburg oder dem Osten allgemein zusammenhängen. Meine Vermutung ist, dass es unter anderem an der Sozialisation der Menschen lag. Im Westen war der Staat ja der Beschützer, den ich mir zur Hilfe rufe und für viele Leute in Ostdeutschland war er eher der Feind."

Die Young - Stay Pretty

Heute denkt Frank Mühe fast ungläubig an diese Zeit zurück: Wie konnte das alles so funktionieren? Selbst der große, zur Tanzfläche umfunktionierte Flügel im Eingangsbereich, auf dem bis zu 8 Leute gleichzeitig tanzten, hielt all die Jahre durch und außer einigen zerbrochene Fenstern ist tatsächlich nie etwas passiert. G55: das waren wohl einfach die richtigen Leute, zur richtigen Zeit, am richtigen Ort. "Vielleicht war es sogar gut, dass das Ganze 1999 dann ein Ende fand. Wie es so schön heißt: 'Die Young - Stay Pretty'", erinnert sich Frank Mühe ans Ende dieser für ihn unvergesslichen Zeit. Eines Tages flatterte eine Sanierungsankündigung ins Haus und allen war schnell klar: Das war es dann wohl. Die Sanierung im Zuge der Aufwertung des Viertels war gleichzeitig das Ende der legendären Veranstaltungen in der Goethestraße 55. Anderenorts in Magdeburg lebten sie noch eine Weile weiter, denn "das Boot war zwar weg aber die Mannschaft war ja noch da!".

House, Elektro & Techno

House ist eine Spielart der elektronisch produzierten Musik, die sich Mitte der Achtziger in Chicago entwickelte und Ende der Achtziger auch ihren Weg nach Deutschland fand. Der Begriff 'House' geht zurück auf die Chicagoer Diskothek 'Warehouse', wo eine Mischung aus US-amerikanischer Disco-Musik und elektronischer Pop-Musik aus Europa mit synthetischem Beat gespielt wurde. House ist vor allem als Tanzmusik zu verstehen.

Als Electro wird hingegen eine Strömung der synthetisch-elektronischen Musik bezeichnet, die in Detroit begründet wurde. Die dortigen Musiker und Produzenten orientierten sich dabei an amerikanischer Funkmusik und deutschen Elektronikklängen von Gruppen wie Kraftwerk. Das Spezifische an dieser Musik war die Verbindung von amerikanischem Hip-Hop und Rap-Elementen mit europäischer Elektromusik. Beide Stilrichtungen legten den Grundstein für eine der bedeutendsten Musikstile der Neunziger: den Techno.

(Quelle: Heyer, Robert/Sebastian Wachs/Christian Palentien: "Handbuch: Jugend - Musik- Sozialisation." VS Verlag für Sozialwissenschaften, S. 74, 75.)

Einige der DJs von damals sind auch noch heute aktiv. Für Frank Mühe wurden indes andere Sachen wichtiger. Er beendete ein Psychologie-Studium in Magdeburg und begann in Berlin zu arbeiten, wo er heute auch lebt. Der Kontakt zur alten Gruppe aber blieb erhalten und auch die Zeit will er keinesfalls missen. "Die gesamten Neunziger waren für mich extrem prägend. Alles war rasant, aufregend, spannend - es hat sich viel neu entwickelt in dieser Zeit und ich habe so viele tolle neue Leute kennengelernt." Blickt er also wehmütig zurück? "Auf jeden Fall! Wehmütig und selig. Bis vor kurzem endete jedes meiner Nummernschilder noch auf -g 55!" Frank Mühe grinst und man wünscht sich fast, man hätte damals dabei sein können.

Teilen Sie diese Seite

grenzenlosImpressumÜber UnsKontaktNach oben
Facebook Twitter YouTube